
In der frühen Phase meiner KI-Nutzung, ab ca. 2023, folgte ich unüberlegt und ziellos den neuen Möglichkeiten. Als die Modelle besser wurden, wich meine Skepsis der Erkenntnis, deutlich mehr umsetzen zu können, als ich mir je hätte träumen lassen.
Nun gab es keine Pausen mehr. Jeden Abend saß ich lange am Laptop. Mini-Apps programmieren, Automationen bauen, Text-Optimierungen prüfen, Visuals für Präsentationen, Businessplan und Kurskonzepte, irgendwas war immer.
Morgens spät dran, wieder keine Morgenroutine, kein Stretching und keine Meditation. Von früh bis spät unter Reizlast zu stehen hat seinen Preis. Wer jede freie Minute denkt, ist bald überstimuliert. Dauerhafte Anspannung, auch wenn sie sich nach Produktivität anfühlt, ist ungesund.
Wenn du das liest und dich dabei wiedererkennst, leg deine Hand auf den Bauch und atme 4 Sekunden durch die Nase ein. Führe den Bauch beim Einatmen bewusst gegen deine Hand. Denk dabei an etwas Schönes. Dann atme 6 Sekunden durch die Nase aus und wiederhole das für ein paar Runden. Hör damit auf, sollte es für dich unangenehm werden. Und lass das Schöne bald mal wieder in deinen Alltag hinein.
Für mich hieß das Full Stop – zwei Tage campen, keine Computer. Menschen, Himmel und offenes Feuer. Falls ich mal nicht dorthin kann, schließe ich die Augen, atme bewusst in den Bauch und stelle mir ein Lagerfeuer vor.
Wenn wenig von außen kommt, schaltet das Gehirn nicht ab. Es schaltet um. Dann übernimmt das Default Mode Network: Tagträume, Zukunftspläne, Nachdenken über Vergangenes und über die eigene Person. Auch kreative Ideen entstehen oft dabei.
Das Forschungszentrum Jülich hat 2025 gezeigt, dass dieses Netzwerk kein einheitlicher Block ist. Ein Teil ist nach innen abgeschirmt und trägt die Selbstreflexion. Ein anderer Teil hängt eng an den Sinnesarealen und springt gerade dann an, wenn ein Geruch oder ein Lied eine Erinnerung weckt.
Damit erklärt sich meine Lagerfeuer-Routine. Rauch, Wärme, Knistern, und dazu das Gefühl,sofort in der Situation drin zu sein. Es ist der Weg zurück zu mir. (Forschungszentrum Jülich, 2025)
Ich habe eine neue Belastungsgrenze kennengelernt. Sie war nicht die letzte. Bei all den Möglichkeiten mit KI gibt es viel zu sortieren, bevor man loslegen kann. Wo fange ich überhaupt an, was ist jetzt wichtig? Ich habe mich in einem neuen Verhaltensmuster wiedergefunden: Immer, wenn ich ein Ziel fertig hatte, fiel mir ein neues ein. Begeisterungsfähig und kreativ, ein großer Junge auf dem unendlichen Spielplatz.
Als Führungskraft begegne ich diesem Muster selten in Form eines Problems. Es kündigt sich vielmehr als Erfolg an. Auf einmal wächst jemand über sich hinaus, liefert rund um die Uhr und immer schneller. Nachrichten bei Nacht und sonntags. Neue Ideen, schon bevor die alten fertig sind. Keiner bemerkt hier die Gefahr. In der Beurteilung steht dann später: „stets mit Begeisterung bei der Sache.“
Die Anzeichen, auf die wir trainiert sind, bleiben aus. Es gibt keinen erkennbaren Rückzug, keine verpassten Deadlines. Es fällt erst auf, wenn der Schaden schon tief sitzt. Das früh zu bemerken ist nicht die Aufgabe der Betroffenen. Es ist meine.
Ich frage daher nicht mehr „Schaffst du das?“ Ich frage im Check-In jedes Update-Meetings: „Woran hast du gerade gearbeitet und woran arbeitest du als Nächstes?“ Nicht um Fortschritt abzuhaken, sondern damit wir uns zusammen fragen, ob das gerade das Wichtigste ist.
Mir fehlten ein systematisches Vorgehen und Klarheit in den Zielen. Als Erstes mussten Gedanken sortiert und wiederauffindbar werden. Ich brauchte den Kopf frei. Anfangs genügten digitale Whiteboards und bald konnte nur noch Second Brain helfen. Markdown-Dateien waren inzwischen wie Scheine, mit denen ich meine Agenten schmierte und Erkenntnisse sicherte. Sie bildeten das Fundament für den nächsten Schritt, das n8n-Orchester. Mit n8n, einem Open-Source-Werkzeug, kann ich verschiedene Dienste verbinden und steuern, ähnlich wie ein Dirigent sein Orchester. Ich war es leid, wiederholt dieselben Prompts (Anweisungen) zu schreiben und immer dieselben Sachverhalte zu erklären. Mich und meine Ziele zum Beispiel.
Langsam lernte ich die Tools als Multiplikator einzusetzen, denn es werden immer mehr: Mit n8n sende ich mir Wissenshäppchen und bilde mich auf mehreren Themengebieten weiter. Heute trainieren mich Telegram-Chatbots in verschiedenen Disziplinen. Das half mir, meinen Social-Media-Konsum um 80 % zu reduzieren. Vorher redete ich mir ein, dort für Micro-Learnings zu sein. Meine Aufmerksamkeit setze ich inzwischen sparsamer ein. Dadurch habe ich sogar wieder Zeit zum Lesen. Ein klarer Gewinn nach dem Kontrollverlust.
Und viel besser noch: Ich habe Zeit zum Schreiben gewonnen. Vor langer Zeit war das mal mein Hobby. Hier muss ich jedoch eingestehen, dass ich gar nicht alle Texte selbst schreibe. Ich spreche sie nämlich. Das macht mich deutlich schneller.
Das logische Denken in der Arbeit mit n8n sowie das Lesen und Schreiben tun meinem Geist sehr gut. Ein Gehirnjogging in dieser Form ist genau das, was ich gerade brauche.
Ich beobachte, wie ich mich leichtfertig hinreißen lasse, Aufgaben an KI abzugeben. Als ich noch zur Schule ging, beklagte meine Mathelehrerin die fehlende Bereitschaft zum Kopfrechnen. Ihr Argument: Wir würden ja nicht ständig einen Taschenrechner mit uns herumtragen. Inzwischen trägt fast jeder einen Taschenrechner bei sich. Im Sommer 2026 habe ich genau diese Mathelehrerin zufällig mit ihrem Mann im Café gesehen. Sie sah gelassen aus. Genau wie das Kopfrechnen werden bestimmte Denkaufgaben nämlich mit dem kulturellen Wandel immer seltener.
Nehmen wir uns daran ein Beispiel: Die Mathelehrerin hat uns vergeben. Auch wir sollten uns vergeben, wenn wir dem Reflex folgen und ein KI-Tool einsetzen. In 20 Jahren wird KI-Nutzung vermutlich so selbstverständlich sein wie heute das Smartphone. Wir entscheiden dabei selbst, ob KI unser Gehirn ersetzt oder trainiert. Werkzeuge verändern aber nicht nur, was wir tun, sondern auch, wie wir denken.
Gerald Hüther sagte im Gespräch mit Gerald Ziegler: Wissen sei „rein kognitiv“ und ließe sich längst „in Datenbanken auslagern“ – die künstliche Intelligenz könne das oft schon besser. Was bliebe uns Menschen, was keine Maschine je leisten könnte? Ein echter „Entschluss“, der aus einer inneren Haltung entsteht – „friedfertig, liebevoll, einfühlsam“. (Ziegler/Hüther, 2023)
Wer merkt, was mit ihm passiert, kann eingreifen. Wer es nicht merkt, nicht. Mit der Zeit wurde es leichter und ich fühlte mich wieder deutlich wohler. Frei nach Vera Birkenbihl wurde ich vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer.