
Der Public Health Index 2025 zeigt: Deutschland setzt wissenschaftlich empfohlene Präventionsmaßnahmen im europäischen Vergleich nur unzureichend um. Gleichzeitig fühlen sich 66 Prozent der Menschen in Deutschland häufig oder manchmal gestresst. Das zeigt der TK-Stressreport 2025. Prävention bleibt damit zu häufig eine Frage individueller Eigenverantwortung, obwohl viele gesundheitliche Entscheidungen auch von Umfeld, Angebot und politischen Rahmenbedingungen abhängen.
Vielleicht scheitert Prävention also nicht nur an fehlendem Wissen. Vielleicht scheitert sie auch daran, dass Appelle genau dort landen, wo Menschen längst unter Druck stehen. Was dann wie Ignoranz aussieht, ist oft der Versuch, Einfluss, Selbstbild und innere Stabilität zu schützen.
„Egal, was du tust, tu es aus einem guten Zustand heraus.“ (Sebastian Mauritz)
Wenn wir neue Gewohnheiten nicht durchhalten, liegt das oft nicht an fehlender Einsicht, sondern an dem Sicherheitsgefühl, das alte Muster uns geben. Was von außen wie Widerstand wirkt, ist oft ein Schutzreflex. Gunther Schmidt bezeichnet das Zurückkehren in ungewünschte alte Muster als „Ehrenrunden“. Wenn wir uns mit diesen Ehrenrunden anfreunden, behalten wir eher die Kraft, es erneut zu versuchen.
Meine Trainertätigkeit übe ich nebenberuflich aus. Nach acht Stunden im Hauptjob warten weitere Aufgaben auf mich, über die ich mich meistens sehr freue. Es gibt allerdings Tage, da streikt ein Teil von mir und möchte etwas ganz anderes. Er sucht eine Form der Geborgenheit, der ich mich in der Vergangenheit öfter hingeben konnte als heute: Videospiele.
Mein liebstes ist No Man's Sky, ein Spiel, in dem man mit einem Raumschiff Planeten erkundet. Mit VR-Brille bin ich dann ein paar Abende in Folge unterwegs und komme zurück wie aus dem Urlaub. Manchmal war ich danach unzufrieden, und Scham kam in mir auf. Heute sehe ich das ganz entspannt. Damit bin ich nicht allein, denn 33 Prozent der Männer geben an, zur Entspannung Videospiele zu spielen, gegenüber 11 Prozent der Frauen. Der TK-Stressreport führt sie allerdings in einer Reihe mit dem Feierabendbier, und das nicht ohne Grund. Ob es Erholung war oder Flucht, entscheidet nicht das Spiel.
Erholung ist es, wenn ich mir die Zeit gönne. Flucht ist es, wenn ich mich vor etwas drücke. Dafür habe ich mich manchmal geschämt, und die Scham hielt länger an als der Abend selbst. Heute weiß ich: Was wie ein Rückschritt aussieht, ist oft Urlaub in der Vergangenheit. Das alte Muster gibt Sicherheit und Geborgenheit. Deshalb komme ich darauf zurück, und deshalb komme ich auch wieder davon weg.
Wenn dieses Gefühl kommt, ist es halt Zeit für einen Ausflug ins All.
Das ist keine Beschwichtigung. Eine Meta-Analyse mit 27 kontrollierten Studien zeigt: Selbstmitgefühlsbasierte Interventionen verbesserten verschiedene psychosoziale Ergebnisse. Unter anderem gingen Stress, Selbstkritik und Grübeln im Vergleich zu Kontrollgruppen zurück. Am deutlichsten fiel der Effekt beim Grübeln aus. Und Gruppenformate wirkten stärker als Übungen allein. Selbstmitgefühl ist damit nicht bloß ein weicher Trost, sondern kann eine hilfreiche Fähigkeit im Umgang mit belastenden Erfahrungen sein. (Ferrari et al., 2019)
Deshalb interessiert mich weniger, wie wir Menschen noch besser belehren. Mich interessiert eher, wie jemand wieder in die Verfassung kommt, in der er überhaupt etwas ändern kann.