September 11, 2026

AI saved my life and ruined parts of it

Wissen wir eigentlich, was wir da tun?

Ich war der Assistent meiner Assistenten. Zwischen Browser-Tab X und KI-Tool Y fiel es mir auf.

(Teil 1 von 5)

Ich hatte gerade eine Zusammenfassung von einem Chat in den nächsten kopiert. Nutzungslimit erreicht, nächster Agent, weiter. Wer arbeitet hier für wen?

Herzlich willkommen zu Alex’ modernem Leben! Fünf Teile, kein Tutorial. Es geht um unsere Beziehung zu KI.

In meiner Bubble bewegt sich die Debatte zwischen KI als Heilmittel für alle Führungsversäumnisse und Misstrauen wegen Kontrollverlust, Urheberrecht und der Angst, abgehängt oder ersetzt zu werden. Die Künstler in meinem Umfeld trifft der Umgang mit Urheberrechten im Modell-Training. Die Programmierer trifft es in ihrem Stolz, saubere und nachvollziehbare Arbeit abzuliefern. Beide Einstellungen sind berechtigt und doch reden wir immer seltener darüber. Ich bewege mich als Head of Postproduction zwischen Abgabedruck im TV-Alltag und Atemübungen im Nebenberuf. Ohne Technologie wie KI wäre ich heute nicht da, wo ich bin.

Meine Website, meine Automationen, die Werkzeuge, mit denen ich mich jeden Tag weiterbilde: Das alles hätte ich sonst einkaufen müssen.

Gerade lese ich Neil Postman und entdecke Parallelen zur Einführung von älteren Massenmedien. Postman hat beobachtet, wie neue Medien nicht nur das Denken verändern, sondern auch die Gesellschaft umformen. Er schreibt, durch die Art, wie ein Medium unsere Gedanken ordnet und wie es uns die Welt erfahrbar macht, beeinflusst es oft unbemerkt unser Bewusstsein sowie unsere Normen, Werte und Verhaltensmuster. Indirekt hat es damit Einfluss auf gesellschaftliche Institutionen und Strukturen wie Schule, Recht und Politik. (vgl. Postman, 1985, S. 18) Fernsehen, PC, Internet. Jedes Mal Wandel und eine neue Trennlinie. Nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen denen, die ein Medium bespielen, und denen, die es meiden.

Ich kenne diese Trennlinie von beiden Seiten. Über die Liebe zum Musikmachen kam mein Verständnis für Technik. Das hat meinen Weg geebnet und zugleich Freundschaften still beendet. Wer tief in ein Medium eintaucht, den formt es. Und je länger ich unten blieb, tauchte ich weiter entfernt von meinen Weggefährten wieder auf. Ich trieb ab. Beim Freediving hängen wir deshalb beim Abstieg mit einem Lanyard an der Führungsleine.

2007: Die TV-Branche wechselte auf HD, HD-Schnitt brauchte Computer und ich kannte Computer. Meine älteren Kollegen nicht, denn sie kannten Digibeta-Rekorder. Mechanisch, präzise, plötzlich nebensächlich. Für mich waren diese Männer und Frauen Koryphäen. Was sie konnten, war nicht weniger wert als das, was ich konnte. Es wurde nur nicht mehr eingesetzt. Die wichtigen Projekte wanderten zu mir, ohne dass jemand eine Entscheidung traf. Als Andenken steht ein Digibeta-Rekorder in meinem Büro.

Heute sehe ich dasselbe Muster mit KI. Und ich frage mich: Wer in meinem Umfeld steht diesmal auf welcher Seite? Die Trennlinie läuft mitten durch die Abteilungen. Einer bastelt an neuen Tools und Automationen, der andere macht den Job wie vor fünf Jahren. Als Führungskraft stehe ich auf beiden Seiten gleichzeitig. Wer am Ende die wichtigen Aufgaben bekommt, entscheidet niemand aktiv. Eine Verteilung, die niemand entscheidet, ist trotzdem eine Entscheidung.

2007 war ich zufällig der Gewinner dieser stillen Verteilung. Heute weiß ich, dass auf der anderen Seite jemand bei seiner Digibeta blieb, für die es bald keine Arbeit mehr gab. Nicht weil er zu langsam war. Weil niemand da war, wenn er nicht weiterkam.

Mit dieser Serie versuche ich, Verbindungen zwischen beiden Seiten zu schaffen.

Fasziniert von Automation lebte ich im Frühjahr 2026 monatelang für die Nacht. Ich wurde zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde – tagsüber die kontrollierte Führungskraft, nachts der Getriebene, der noch einen Workflow und noch einen Agenten baut. Durch die kleinen Erfolge blieb ich dran, jeden Tag ein Stück länger.

So habe ich an Werkzeugen für meine Selbstständigkeit gearbeitet und dadurch genau diese Selbstständigkeit vernachlässigt. Zwei Monate baute ich meine eigene Website und zwei Monate automatisierte ich die nötigsten Tools. Statt Kunden zu akquirieren, bastelte ich eine Lösung nach der anderen. Jeden Morgen sendete ich mir automatisiert Wissenshäppchen mit Übungsanleitungen aus meiner PDF-Sammlung. Selbst als Resilienz-Trainer und Entspannungskursleiter wandte ich meine eigenen Methoden kaum noch an. Nach dem Aufstehen war ich verspannt und unausgeschlafen.

So wie der Rechner war ich immer an. Niemals Bildschirmschoner. Ich machte häufig Sport zum Ausgleich, doch bei wenig Schlaf erholte sich nichts mehr. Nur in der Sauna nach dem Training hatte ich kurz Zeit für Bodyscan und 4:6-Atmung, ein Atemmuster zur Entspannung. Heute halte ich Pausen und Biorhythmus wieder ein, weil ich weiß, was passiert, wenn ich es übertreibe.

Ich folgte dem Versprechen, dass KI mein Leben zum Paradies machen würde. Inzwischen weiß ich, der Wert entsteht nicht im Werkzeug, sondern in der Auseinandersetzung damit.

Der Moment, in dem ich bemerkte, dass ich der Assistent meiner Assistenten geworden war, hat mich kalt erwischt. Gerade noch fühlte ich mich so modern. Ich hatte bei drei Plattformen meine Kreditkartendaten hinterlegt, Token-Limits ausgereizt, nahtlos weitergemacht beim nächsten Anbieter. Echter Macher und vorbildlicher Kunde. Dann dämmerte mir die Frage: Wer profitiert hier eigentlich? Für mich fühlt sich das alles nach Arbeit an. Bin ich vielleicht das Produkt?

Ja und nein. Für eine detaillierte Antwort vertröste ich auf Teil 4. Was mich bremst und wovon ich profitiere, habe ich in zwei Spalten nüchtern runtergeschrieben. So wurde es mir klar.

Mit der Zeit verlor ich auch den Überblick über meine eigenen Erkenntnisse. Notizen verstreut über fünf Chats, drei Tools, zwei Browser. Rohmaterial, das ohne Nachbearbeitung wertlos bleibt. So wie in der Postproduktion. Die Lösung hieß Second Brain: ein Prinzip, das Wissen an einem Ort sammelt, ordnet und wieder auffindbar macht.

Was Tokens sind, konnte ich mir so lange nicht merken, bis sie meine Monatsabrechnung bestimmten. Sie sind die Einheit, in der KI-Modelle Sprache denken: Jedes Wort oder Wortstück wird in solche Einheiten zerlegt, verarbeitet und wieder zusammengesetzt. So läuft das: Erst wenn sie verschwinden und ich dafür zahlen muss, weiß ich sie zu schätzen. Der Satz könnte von meinem Papa sein.

Gibt es einen Wettlauf, bei dem gewinnt, wer die meisten Monatsabos hat? Die Trennlinie, die Postman beschreibt, verläuft nicht zwischen Schnellen und Langsamen. Sie verläuft zwischen denen, die sich das Medium zu eigen machen, und denen, die es meiden. Beides sind Entscheidungen, und beide kann man revidieren. Was mich am Ball hält: Menschen, die Fragen stellen. Inzwischen tausche ich mich regelmäßig mit KI-Interessierten aus und lerne stets neue Ideen und Lösungen kennen. Diese Gespräche tun mir gut.

Dies ist ein Blick hinter die Kulissen von jemandem, der KI nicht beherrscht, sondern eine kollegiale Beziehung zu ihr aufbaut. Ein Aspekt, der mir in dieser Form im öffentlichen Diskurs fehlt.